Wojciech Kilar

Wojciech Kilar

geboren am 17.7.1932 in Lwiw, Ukraine

gestorben am 29.12.2013 in Katowice, Województwo slaskie, Polen

Wojciech Kilar

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Wojciech Artur Kilar (* 17. Juli 1932 in Lwów, Polen, heute Ukraine;  29. Dezember 2013 in Katowice, Polen) war ein polnischer Pianist und Komponist Neuer Musik sowie von Filmmusik. Er gehörte zu den prominentesten Persönlichkeiten der europäischen Musikszene seiner Zeit.[1]

Leben und Wirken

Kilar verbrachte seine Kindheit in Lwów und nahm dort privaten Musikunterricht. Während des Zweiten Weltkrieges wechselte er mehrere Male den Wohnort und kam 1945 nach Rzeszów und Krakau, wo er seine musikalischen Studien bei Prof. Bolesaw Woytowicz fortsetzte. Von 1950 bis 1955 studierte er Klavier und Komposition an der Musikakademie Katowice und nahm 1957 an den Darmstädter Ferienkursen teil. Danach ging er bis 1958 zum Aufbaustudium ins Konservatorium der Musikakademie Krakau, wählte aber Katowice und die oberschlesische Kohlenbergbauregion zu seiner Wahlheimat. Oft reiste Kilar in der Welt umher (von 1959 bis 1960 z.B. in Paris, um bei Nadia Boulanger zu studieren) und kehrte immer wieder nach Katowice zurück. Katowice war für ihn ein Ort künstlerischer Inspiration für viele Schaffensperioden.[2]

Beim Portraitieren Kilars zeigen Kritiker gewöhnlich drei Etappen seines musikalischen Schaffens:

Die erste war geprägt von seiner Faszination neoklassischer Musik, bedeutenden Werken Igor Strawinskis und Béla Bartóks. Beide erschienen ihm als echte Meister, von denen er Disziplin, das kompositorische Handwerk und einen hohen Erfindungsreichtum beim Gebrauch von Folklore in der Musik lernen konnte. Die höhere Stellung der Form, die bis zuletzt das Kennzeichen von Kilars Zugang zur Komposition blieb, scheint seine Wurzeln in diesen neoklassischen Inspirationen zu haben.

Die zweite Etappe seines kompositorischen Schaffens, die des Sonorismus, ließ Wojciech Kilar Mitte der 1960er zu einen der wagemütigsten Künstlern der experimentellen Zwölftonmusik werden und wurde in einem Atemzug mit Krzysztof Penderecki und Henryk Górecki genannt. Kilars Werke dieser Schaffensperiode sind vor allem durch Dynamik, Vielfalt und expressiver Kraft gekennzeichnet. Seine Klangexperimente führten zu kontrastierenden Timbres, der allmählichen Expansion der Orchestergröße und zur Einführung unkonventioneller Artikulation. Zu Kilars immer präsenten Interesse an Folklore kamen musikalische Elemente des Jazz. Des Weiteren verwendete der Komponist die menschliche Stimme in einer sehr kreativen Art und Weise; nicht nur durch vielfältige und innovative Artikulation, sondern auch durch akribische Behandlung des Textes und seiner phonetischen Eigenschaften.

Die dritte Schaffensperiode in Kilars Karriere begann 1974 mit Krzesany (Bergsteigen), dem Orchesterwerk, mit dem er seinen endgültigen Durchbruch in der Europäischen Musikszene erlangte. Formal erscheint es in rhythmisch vorwärtsdrängenden Wiederholungsmustern und ist damit der Minimal Music nicht unähnlich. Seine Werke begannen nun mit Volksmusik aus dem Tatra-Gebirge seine Faszination auszustellen, etwas das schon während der vorigen Schaffensperiode auffiel, jetzt aber in einer sehr viel tieferen Ausprägung. Kritiker zeigen eine Simplifizierung der Kompositionstechnik und eine Reduktion in der Anordnung der Hilfsmittel. Die rastlose experimentelle Vielfalt schwand zugunsten der in Mode gekommenen, manchmal ebenfalls nicht endenden, Monotonität. Monotonität, motorische Aktion (präsent auch in Kilars neoklassischer Periode, wenn auch anders) bzw. der Gebrauch von highland scale sowie die Rückkehr zur Melodie waren die Markenzeichen Kilars neuem Kompositionsstil. Nicht weniger wichtig war ein weiterer Zweig, der Kilars dritte Schaffensperiode zu dominieren begann: Kilar komponierte zahlreiche Werke Geistlicher Musik, die seine tiefe Religiosität reflektierten sowie seinen Mut eine simple, universelle und greifbare musikalische Sprache zu verwenden.

Über seine Religiosität und seine Glaubenserfahrungen schrieb Wojciech Kilar:

""

Die Entdeckung der gemeinschaftlichen Dimension in der Glaubenserfahrung und der tiefe Sinn des Zusammenseins mit anderen brachte Kilar dazu Musik zu komponieren, die konzentriert und meditativ ist bzw. in gewisser Weise die Wirklichkeit des Glaubens reflektiert, Musik, die nicht vorgibt eine liturgische Funktion zu erfüllen, sondern die ein Werk der Schöpfung ist, eine Reaktion auf das Geschenk einer Begegnung mit Gott. Er verstand sich nie als strikter religiöser Komponist liturgischer Musik.

Manche der Werke Kilars tief verwurzelt in der Wendezeit Polens sollten in diesem Kontext betrachtet werden. Viele Schlüsselereignisse in Polens jüngerer Geschichte fanden ihre Reflexion in Kilars Kompositionen der letzten beiden Schaffensperioden: Bei weitem das wichtigste Werk unter ihnen ist Exodus für gemischten Chor (SATB) und Orchester, das Buch Exodus und die Situation in Polen kurz vor der Einführung des Kriegsrechts (13. Dezember 1981) hinweist.

Seit den 1970er Jahren war er vorrangig im Bereich der Filmmusik tätig. Seine internationale Karriere begann 1992 mit der Musik zu Krzysztof Zanussis Drama Der Klang der Stille über einen Komponisten, der die Shoa überlebt hat. Danach engagierte ihn Francis Ford Coppola für sein barockes Vampir-Drama Bram Stokers Dracula. Kilar arbeitete mehrfach mit Filmproduzenten wie Andrzej Wajda und Roman Polaski zusammen und schuf mit seiner Polonez aus dem Film Pan Tadeusz (1999) einen Schlager, der ihn spätestens seitdem in Polen überall bekannt machte. Eine Einladung, während der Jahre 2001 bis 2003 auch die Musik zu Peter Jacksons Der Herr der Ringe zu komponieren, schlug Kilar jedoch aus, da er sich zu jener Zeit auf Musik konzentrieren wollte, die in Konzerthallen dargeboten wird.

Kilars Privatleben war durch seine Beziehung zu seiner Ehefrau Barbara Pomianovska geprägt. Die Ehe, aus der Kilar seine Kraft schöpfte, blieb kinderlos. Der Tod seiner Frau Barbara 2007 traf den sehr tief glaubigen Christen Kilar schwer. Kilar selbst erkranke Mitte 2013 an einem sehr aggressiven Hirntumor, welchem er nach kurzer schwerer Krankheit und einer gescheiterten Strahlentherapie 81jährig am 29. Dezember 2013 in Katowice erlag.[3]

Preise und Auszeichnungen

Für seine Arbeit an Polaskis Drama Der Pianist (2002) erhielt Kilar den französischen Filmpreis César. Zwischen 2000 und 2006 erhielt er vier Mal den Polnischen Filmpreis und für seine großen Verdienste neben dem Orden Polonia Restituta dann im Jahre 2012 auch die höchste Auszeichnung Polens, den Orden des Weißen Adlers.

Werke

Instrumentalmusik

  • 1955: Sinfonie für Streicher
  • 1956: Konzertante Sinfonie für Klavier und Orchester
  • 1974: Krzesany (Bergsteigen) für Orchester
  • 1976: Kocielec 1909 Sinfonische Dichtung für Orchester
  • 1988: Orawa für Streichorchester
  • 1988: Choralvorspiel für Streichorchester
  • 1994: Requiem Father Kolbe für Orchester
  • 1997: Klavierkonzert
  • 2003: September-Sinfonie im Andenken an die Terroranschläge vom 11. September 2001

Chormusik (Auswahl)

  • 1993: Agnus Dei aus dem Film König der letzten Tage, a cappella für gemischten Chor (SATB)
  • 1999: Apotheosis aus dem Film Tydzie z ycia mczyzny (Die Woche aus dem Leben eines Mannes) mit Worten aus Shakespeares Hamlet, a cappella für gemischten Chor (SATB)
  • 2000: Dona nobis pacem (Gib uns Frieden), a cappella für gemischten Chor (SATB), aus der Missa pro pace
  • 2003: Lament (Lamento), a cappella für gemischten Chor (SATB)
  • 2008: Hymn paschalny (Osterhymnus), a cappella für gemischten Chor (SATB)
  • 2008: Veni creator (Pfingsthymnus), für gemischten Chor (SATB) und Streichorchester

Werke für Soli, Chor und Orchester

  • 1975: Bogurodzica für gemischten Chor (SATB) und Orchester
  • 1981: Exodus für gemischten Chor (SATB) und Orchester
  • 1983: Victoria für gemischen Chor (SATB) und Orchester
  • 1984: Angelus auf den Text des Ave Maria für Sopran, gemischten Chor (SATB) und Orchester
  • 2000: Missa pro pace für Soli (SATB), gemischten Chor (SATB) und Orchester
  • 2006: Magnificat für Soli, gemischten Chor (SATB) und Orchester
  • 2008: Te Deum für Soli, gemischten Chor (SATB) und Orchester (anlässlich des 90. Unabhängigkeitstag (Polen))

Bühnenmusik (Auswahl)

  • 1957: Dantons Tod von Georg Büchner am Schlesischen Theater in Katowice
  • 1963: Antonius und Cleopatra von William Shakespeare am Theater in ód
  • 1965: Heinrich IV. von William Shakespeare am Alten Theater in Krakau
  • 1966: Die Trojanerinnen von Euripides am Schlesischen Theater in Katowice
  • 1967: Hamlet von William Shakespeare am Mickiewicz-Theater in Czstochowa
  • 1972: Drei Schwestern von Anton P. Tschechow am Theater in Sosnowiec
  • 1979: Einer flog über das Kuckucksnest von Dale Wasserman am Alten Theater in Krakau Regie: Krzysztof Zanussi
  • 2001: Akropolis von Stanisaw Wyspiaski am Nationaltheater in Warschau

Filmmusik (Auswahl)

  • 1963: Entscheidung in den Wolken (Czerwone berety) Regie: Pawe Komorowski
  • 1964: Später Nachmittag (Póne Popoudnie) Regie: Aleksander cibor-Rylski
  • 1965: Die geheimnisvolle Exkursion (Wyspa zoczyców) Regie: Stanisaw Jdryka
  • 1966: Hölle und Himmel (Pieko i niebo) Regie: Stanisaw Róewicz
  • 1966: Bumerang Regie: Leon Jeannot
  • 1967: Der Mörder hinterläßt Spuren (Morderca zostawia lad) Regie: Aleksander cibor-Rylski
  • 1968: Wolfsecho (Wilcze echa) Regie: Aleksander cibor-Rylski
  • 1969: Einsamkeit zu zweit (Samotno we dwoje) Regie: Stanisaw Róewicz
  • 1969: Struktur des Kristalls (Struktura krysztau) Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1970: Rejs Regie: Marek Piwowski
  • 1970: Lokis Regie: Janusz Majewski
  • 1971: Familienleben (ycie rodzinne) Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1972: Eine Perle in der Krone (Pera w koronie) Regie: Kazimierz Kutz
  • 1973: Illumination (Iluminacja) Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1974: Das gelobte Land (Ziemia obiecana) Regie: Andrzej Wajda
  • 1975: Zwischenbilanz (Bilans kwartalny) Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1976: Die Schattenlinie (Smuga cienia) Regie: Andrzej Wajda
  • 1977: Tarnfarben (Barwy ochronne) Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1978: Spirale (Spirala) Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1979: Der König und der Vogel (Le roi et loiseau) Regie: Paul Grimault
  • 1979: Wege in der Nacht Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1979: Perlen eines Rosenkranzes (Paciorki jednego róanca) Regie: Kazimierz Kutz
  • 1979: David Regie: Peter Lilienthal
  • 1980: Die Braut sagt nein (Kontrakt) Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1981: Aus einem fernen Land (From a Far Country) Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1981: Der Zufall möglicherweise (Przypadek) Regie: Krzysztof Kielowski
  • 1982: Die Unerreichbare Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1984: Ein Jahr der ruhenden Sonne (Rok spokojnego soca) Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1985: Chronik von Liebesunfällen (Kronika wypadków miosnych) Regie: Andrzej Wajda
  • 1985: Paradigma Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1990: Das lange Gespräch mit dem Vogel Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1990: Korczak Regie: Andrzej Wajda
  • 1991: Leben für Leben Maximilian Kolbe Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1992: Bram Stokers Dracula (Dracula) Regie: Francis Ford Coppola
  • 1993: König der letzten Tage Regie: Tom Toelle
  • 1994: Der Tod und das Mädchen (Death and the Maiden) Regie: Roman Polaski
  • 1996: Cwa Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1996: Portrait of a Lady (The Portrait of a Lady) Regie: Jane Campion
  • 1997: Die Farbe des Lebens (Our God's Brother) Regie: Krzysztof Zanussi
  • 1999: Die neun Pforten (The Ninth Gate) Regie: Roman Polaski
  • 1999: Pan Tadeusz Regie: Andrzej Wajda
  • 2002: Suplement Regie: Krzysztof Zanussi
  • 2002: Der Pianist (The Pianist) Regie: Roman Polaski
  • 2002: Zemsta Regie: Andrzej Wajda
  • 2005: Persona Non Grata Regie: Krzysztof Zanussi
  • 2007: Helden der Nacht (We Own the Night) Regie: James Gray

Literatur

  • Antonina Machowska: Kilar Wojciech. W: Elbieta Dzibowska: Encyklopedia muzyczna PWM. T. 5: kl cz biograficzna. Kraków: Polskie Wydawnictwo Muzyczne, 1997, S. 7883, ISBN 978-83-224-3303-4. OCLC 1648-21167. (polnisch)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Camerata Silesia sings Kilar, Booklet, S.11, 2011, DUX Recording 0856
  2. Camerata Silesia sings Kilar, Booklet, S.12, 2011, DUX Recording 0856
  3. Jacek Marczyski: Wojciech Kilar nie yje. (=Wojciech Kilar ist tot). Rzeczpospolita. Abgerufen am 29. Dezember 2013
Normdaten: Library of Congress Control Number (LCCN): n 84157856 | Virtual International Authority File (VIAF): 1741-2230
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