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Oliver Schnyder – Das Klavier der Nachbarin öffnete ihm das Tor zur Welt

Der 44-jährige Schweizer Pianist Oliver Schnyder ist auf der ganzen Welt gefragt. - Quelle: Marco Borggreve Der 44-jährige Schweizer Pianist Oliver Schnyder ist auf der ganzen Welt gefragt. (Quelle: Marco Borggreve)

Der Pianist Oliver Schnyder gehört zu den wenigen Schweizer Musikern, denen die internationalen Konzertsäle offenstehen. Er gilt als Klavierpoet und verzaubert das Publikum als Solist ebenso wie als Kammermusiker. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf, wo sein Talent eher zufällig entdeckt wurde, wies sein Weg schon bald wie selbstverständlich in die musikalische Richtung. Unbedingter Wille, Ausdauer und das Glück, immer zur richtigen Zeit die richtigen Wegweiser gehabt zu haben, waren die Basis seines heutigen Erfolges.

Von Irène Maier

Die Gemeinde Möriken ist im Aargau bekannt für das Schloss Wildegg sowie für ihren Gemeindesaal. In diesem Saal sind es in der Regel die Aufführungen der Operette, der Musikgesellschaft und des Jodlerklubs, welche das Publikum in Scharen aus der ganzen Region anlocken. Und in diesem Möriken gab es in den 1970er-Jahren einen kleinen Jungen, der unbedingt Klavier spielen wollte wie Artur Rubinstein. Was wie ein Märchen klingt, ist der Anfang einer märchenhaften Künstlerkarriere. Oliver Schnyder zählt heute weltweit zu den herausragenden Schweizer Musikern.

Im Hause der Eltern stand kein Klavier, aber der kleine Oliver hörte jeden Sonntagmorgen ab Schallplatte den grossen Artur Rubinstein Beethovens Klavierkonzerte spielen. Als er bei der Nachbarin, die Flötenlehrerin war, ein Klavier entdeckte und er nach Herzenslust darauf herumklimpern durfte, sprang der Funke über und sein ehrgeiziges Ziel stand fest: Er wollte diese Konzerte unbedingt spielen können. Die Nachbarin war es, die dann die Eltern auf das offensichtliche Talent aufmerksam machte und sie ermunterte, ein Klavier anzuschaffen und den kleinen Jungen in den Klavierunterricht zu schicken. Der kleine Amadeus, wie er von den Kameraden manchmal gehänselt wurde, machte rasch Fortschritte, stellte hohe Ansprüche an sich selbst und durfte bei den jeweiligen Musikschul-Vortragsübungen den meisten Applaus einheimsen.

Mit der Chance, als Elfjähriger bei Emmy Henz-Diémand in Aarau eine umfassende musikalische Ausbildung zu erhalten, wurden die Weichen für einen Weg als Berufsmusiker gestellt und war gleichzeitig die Basis für eine künstlerisch offene Persönlichkeit gelegt. Später bei Homero Francesc in Zürich war die pianistische Messlatte unglaublich hoch und Oliver Schnyder musste sich mit Meisterschülern messen, die das virtuose romantische Repertoire bereits intus hatten. «Es war ein Rennstall von Pianisten, aber ich konnte den Vorsprung, den sie hatten, bald aufholen», meint Schnyder rückblickend. Den allerletzten Schliff holte sich der inzwischen konzerterprobte und mit einem gut bepackten Rucksack ausgestattete Jungstar bei Leon Fleisher in Baltimore. Fleisher war der Apollo unter den Pädagogen und Heerscharen von Pianisten pilgerten zu ihm.

Seither überhüpfte Schnyder ein paar Stufen der Karriereleiter und kann heute die Konzerte und das Repertoire seinen Wünschen anpassen. Zu den Highlights zählen die Beethoven-Konzertreihe auf dem Pilatus und die Aufführungen aller Beethoven-Konzerte mit dem Luzerner Sinfonieorchester im KKL. Die von der Kritik einhellig gelobten Aufnahmen zeugen davon.

Neben seinen solistischen Auftritten nimmt das Trio, das er zusammen mit befreundeten Tonhallemusikern gegründet hat, bei Oliver Schnyder einen grossen Platz ein. Ganz unbescheiden wagen sich die Drei an die Evangelien der Trioliteratur und schreiten damit von Erfolg zu Erfolg. Jedes Konzert hinterlässt ein begeistertes Publikum und jede Einspielung, die sie auf den Markt bringen, wird von der Presse hochgelobt.

Ab nächstem Jahr stellt sich Schnyder einer neuen Herausforderung, indem er die Intendanz am Davos Festival übernehmen wird. Etwas Erfahrung konnte er bereits mit seiner eigenen Konzertreihe «pianodistrict» sammeln, die er zusammen mit Thomas Pfiffner gegründet hat.

Oliver Schnyder ist heute dort angekommen, wo er seine Intentionen so umsetzen kann, wie es für ihn stimmt. Seine Vielseitigkeit ist Teil seiner Persönlichkeit, die sich über seine Tätigkeiten als Interpret, Pädagoge und Musikveranstalter erstreckt. Buchstaben etwa sind für ihn so faszinierend wie Noten, sei es als Schreibender oder als Leser. Letzteres sei für ihn fast lebenswichtig. Er lese, was ihm vor die Augen komme, betonte er, und dabei begannen diese gleich zu leuchten.

Oliver Schnyder im Programm von Radio Swiss Classic
Konzerte von Oliver Schnyder in der Schweiz


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