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Antje Weithaas – die risikofreudige Geigerin

Die Geigerin Antje Weithaas gibt demnächst nach zehn Jahren die Leitung der Camerata Bern ab. - Quelle: Marco Borggreve Die Geigerin Antje Weithaas gibt demnächst nach zehn Jahren die Leitung der Camerata Bern ab. (Quelle: Marco Borggreve)

Die Camerata Bern zählt zu den profiliertesten Kammerorchestern ihrer Art. Da ist es naheliegend, dass die Formation mit rund 50 Titeln im Programm regelmässig bei Radio Swiss Classic zu hören ist. In den letzten zehn Jahren hat die 51-jährige Deutsche Antje Weithaas die Camerata mit ihrer Agilität, ihrer Neugier und Risikobereitschaft wesentlich mitgeprägt. In diesem Jahr gibt sie die Leitung ab.

Von Irène Maier

Wenn Antje Weithaas an der Musikfestwoche Meiringen im Juli 2018 für ihr grosses Wirken als Musikerin mit dem «Goldenen Bogen» ausgezeichnet wird, ist das für sie ein krönender Abschluss ihrer «Berner Zeit. Als vor fast zehn Jahren die überraschende Anfrage der Camerata Bern kam, ob sie deren künstlerische Leitung übernehmen wolle, fühlte sie sich geehrt, war sich jedoch für einen Moment nicht sicher, dieser Aufgabe gewachsen zu sein. Ein Orchester ohne Dirigent vom ersten Pult aus zu leiten, war eine neue Herausforderung, der sie sich erst nach reiflicher Überlegung stellte. Es hat sich gelohnt. Die Chemie und ein gegenseitiges Vertrauen zwischen ihr und den Orchestermusikerinnen und –musikern stimmten von Beginn weg. Gemeinsam erweiterten sie das Repertoire, wagten sich auch über die Grenzen der bereits vorhandenen Streichorchester-Literatur hinaus, bereicherten die Besetzung mit Bläsern und schraubten das Qualitätsbewusstsein nach oben.

Keine Routine, nicht einseitig

Viele Stationen in ihrem Leben als Musikerin waren nicht geplant. Die charismatische Geigerin Antje Weithaas wandelt selten auf vorgespurten Pfaden. Ihr einziger Parameter ist ihre Liebe zur Musik im Allgemeinen und zur Geige im Besonderen. Sie ist offen für immer neue Herausforderungen. «Ich hasse Routine und Einseitigkeit», erklärt sie sehr bestimmt.

Antje Weithaas begann im Alter von vier Jahren Geige zu spielen. Nicht weil sie als Wunderkind in eine Musikerfamilie hineingeboren worden wäre, sondern weil sie einfach der älteren Schwester nacheifern wollte und es für die musikbegeisterte Mutter selbstverständlich war, dass ihre Kinder ein Instrument lernen sollten. Da sie offensichtlich Talent besass, wurde sie, wie es in der damaligen DDR üblich war, in eine Spezialschule für Musik aufgenommen. Das gefiel ihr und der Anreiz zum ernsthaften Üben, der bis anhin sehr begrenzt vorhanden war, wurde durch die gleichaltrigen Mitschüler angestachelt. Die Musik wurde für sie lebenswichtig und die Geige zur ständigen Begleiterin.

In den vielen Jahren ihrer Laufbahn hat Antje Weithaas ihren Platz als eine der interessantesten Musikerinnen eingenommen. Ihr breitgefächertes Repertoire ist eindrücklich, ihre Energie scheint unerschöpflich, ihre Interpretationen sind sorgfältig durchdacht und wirken, dank ihrer technischen Souveränität, dennoch immer spontan. Die ansteckende Natürlichkeit, die sie im persönlichen Gespräch vermittelt, überträgt ihre Wirkung auch auf ihre fesselnde Bühnenpräsenz.

Ysaÿe vs. Bach

In ihrer grossen Diskographie fallen zwei ungewöhnliche Projekte auf. Da wäre die Aufnahme des Gesamtwerkes für Geige und Orchester von Max Bruch - ein Unterfangen, das ebenso aussergewöhnlich wie spannend ist, werden doch die meisten dieser Werke kaum oder nie im Konzertsaal gespielt. Ihre Idee, die Solosonaten von Eugène Ysaÿe denjenigen von J.S. Bach gegenüberzustellen, ist bis heute einmalig. Sie gewährt eine neue Sichtweise und eine bereichernde Hörerfahrung.

Entspannung findet die vielseitige Künstlerin in der Natur, wo das Vogelgezwitscher für die musikalische Unterhaltung sorgt. Gerne unternimmt sie im Sommer Fahrradtouren entlang von Flusswegen, «die unsportliche Variante», wie sie augenzwinkernd bemerkt. Einen anstrengenden Tag mit einem Glas Rotwein und einem guten Buch ausklingen zu lassen, gehört für sie zur Lebensqualität.

Konzerte mit Antje Weithaas in der Schweiz
Die Camerata Bern im Programm von Radio Swiss Classic


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