Aktuelles

Fokus

Chiara Enderle – von Wollishofen in die Welt

Die 24-jährige Zürcherin Chiara Enderle ist als Kammermusikerin und Solistin sehr gefragt. - Quelle: Vera Markus Die 24-jährige Zürcherin Chiara Enderle ist als Kammermusikerin und Solistin sehr gefragt. (Quelle: Vera Markus)

Wer die Frage stellt, welche junge Schweizerin oder welcher junge Schweizer einst international zu den ganz Grossen der klassischen Musik zählen dürfte, bekommt als Antwort wohl auch den Namen Chiara Enderle zu hören. Die 24-jährige Cellistin aus Zürich Wollishofen besticht neben ihren ausserordentlichen Fähigkeiten als Musikerin durch ihre Natürlichkeit. Wenn ihr Name ein Konzertprogramm ziert, zieht dies das Publikum in Scharen in die Säle. Und obschon ihre Eltern international erfolgreiche Musiker sind, war ihre Berufswahl nicht von Anfang an klar. Ein Porträt.

Von Irène Maier

Musik gehört zu ihrem Alltag, seit sie das Licht der Welt erblickte. Die Eltern der jungen Schweizer Cellistin Chiara Enderle sind Musiker und waren Mitbegründer des Carmina Quartetts. So durfte sie schon als Kleinkind manchmal den Proben beiwohnen, wenn sie versprach, ganz still zu sein. Auf die Frage, welche Musik sie als Kind besonders fasziniert habe, kommt die Antwort blitzschnell: «Das war die Zauberflöte. Ich war ein totaler Fan dieser Musik und der Geschichte dahinter. Schon vor der Kindergartenzeit hörte ich sie jeden Abend zum Einschlafen, und später im Kindergarten war das bevorzugte Sujet meiner Kinderzeichnungen die Königin der Nacht».

Das erste Kammermusikstück, an das sich die Cellistin erinnert, ist das Klavierquintett von Brahms, dem sie in einer Probe der Eltern gebannt zuhörte und das für sie bis heute ein spezielles Stück geblieben ist. Bis zu ihrer Kindergartenzeit durfte die kleine Chiara die Eltern auf ihren Tourneen begleiten. Als diese abwechslungsreichen Kindertage vorbei waren, vermisste sie zwar die Reisen und die musikalischen Erlebnisse, die damit verbunden waren, aber bei ihrer Tante und deren Kindern hatte sie einen sicheren Hort, wo sie sich geborgen fühlte, wenn die Eltern sich ihrem Beruf widmeten.

Der Wahl fiel auf das Cello

Dass sie sich bald einem Instrument zuwenden würde, war absehbar. Auch dass sie in der Streicherfamilie bleiben wollte, aber nicht ausgerechnet mit der Violine, demselben Instrument wie die Eltern. Sie fühlte sich zum dunkleren Ton des Cellos hingezogen. Die Vorstellung, die Musik zum Beruf zu machen, stand aber in weiter Ferne. Als Schülerin hatte sie andere Traumberufe. Kaum hatte sie das Schreiben richtig entdeckt, schrieb sie kleine Romane und Geschichten. Da lag der Wunsch, Schriftstellerin zu werden, nicht so weit. Aber das Umfeld ihrer Eltern und deren Quartett hatte sie geprägt. Die Musik gehörte so stark zu ihrem Leben, dass sie, als die Zeit der Entscheidung nahte, doch das Musikstudium wählte. Wesentlich dazu beigetragen hatte auch der Unterricht bei Thomas Grossenbacher. «Er glaubte an meine Fähigkeiten, hat mich gefördert und motiviert, er gab den Impuls, Cello ernsthaft zu studieren. Diese Zusammenarbeit war grossartig und hat mich wesentlich geprägt. Ich denke, es war der Startpunkt für meinen Weg zur Berufsmusikerin».

Eine weitere Inspirationsquelle für die angehende Musikerin waren einige Jahre später die Meisterkurse bei Steven Isserlis. Er zeigte ihr eine andere Herangehensweise und eröffnete ihr neue musikalische Ideen. Diese zwei unterschiedlichen Meistercellisten waren Glücksfälle für ihre Laufbahn und waren zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Reihenfolge in ihr Leben getreten.

Augenmerk auf Kammermusik

Inzwischen scheint es, als könne nichts ihren Weg nach oben bremsen. Ihr Name auf einem Konzertprogramm gilt bereits als Anziehungspunkt. Kammermusik nimmt zurzeit einen grossen Platz in ihrer Agenda ein. Da sind einerseits die Auftritte mit ihrer Duopartnerin, der Pianistin Hiroko Sakagami, und andererseits die Cellovertretung im Carmina Quartett. Obwohl dieser situationsbedingte Umstand nicht vorhersehbar war, gibt er ihr die Gelegenheit, in die einzigartige Literatur des Streichquartetts einzutauchen und neue musikalische Erfahrungen zu sammeln. Allerdings könnte sie sich einen festen Platz in einem Streichquartett nicht vorstellen, dafür sei ihr Interessensgebiet zu weit gefächert. Sie möchte sich daneben Platz für Soloauftritte ebenso wie für Konzerte mit Orchester lassen.

Zurzeit noch ein Steckenpferd ist die eigene Konzertreihe «Musik im Morgental», benannt nach der Gegend in Wollishofen, wo Enderle aufgewachsen ist. Da bereitet sie interessante Programme für verschiedene Formationen vor. Im Moment bewegt sich das Angebot noch in kleinem Rahmen, aber Enderles Traum wäre ein variables Ensemble mit Streichern und Bläsern, das seine Fühler auch über Wollishofen hinaus ausstrecken würde.

Bei allen musikalischen Höhepunkten und Ovationen, die sie in ihrer noch jungen Karriere bereits erleben durfte, hatte die vielseitige Künstlerin das Bedürfnis, neben der Musik noch ein Fernstudium der Psychologie aufzunehmen. Als Leseratte bemerkte sie, dass sich die für sie spannende Lektüre oft um diesen Themenkreis drehte. Seit sie sich diesen «Seitensprung» erlaubte, wurde ihr noch klarer, dass die Musik ihre Leidenschaft ist, die über allem andern steht und dass ihre Berufswahl richtig war.

Chiara Enderle im Programm von Radio Swiss Classic
Konzerte von Chiara Enderle in der Schweiz


Möchten Sie regelmässig über Neuigkeiten rund um Radio Swiss Classic informiert werden? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!

abonnieren

Folgen Sie dem Radio Swiss Classic On-air-Service