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Ein Musikdorf am Ende der Welt

Im Oberwalliser Dorf Ernen erklingen im Sommer acht Wochen lang klassische Töne. - Quelle: Raphael Hadad Im Oberwalliser Dorf Ernen erklingen im Sommer acht Wochen lang klassische Töne. (Quelle: Raphael Hadad)

Das 500-Seelen-Dorf Ernen im Goms nennt sich zwischen Juni und August jeweils «Musikdorf». Abseits von Durchgangsstrassen und Massentourismus auf 1200 Metern Höhe gelegen, gibt es dort in dieser Zeit rund 25 Konzerte. Dem künstlerischen Leiter des Festivals, Francesco Walter, gelingt es Jahr für Jahr, bekannte Namen in den Oberwalliser Ort Ernen zu holen, in dem einst Franz Liszt in seinen Wanderjahren Halt machte.

Es begann 1974. Im idyllischen, aber abgelegenen Dorf Ernen beschloss der ungarische Pianist und international geschätzte Klavierlehrer György Sebök, quasi am «Ende der Welt» ein Festival zu gründen. Ihm schwebte schon damals ein Ort der Ruhe vor, der Begegnungen zwischen Musikern und Musikliebhabern ermöglichen sollte. Zu Beginn waren es Seböks Meisterkurse in den Sommerwochen, welche vor allem junge Musikerinnen und Musiker nach Ernen lockten. Die Dorfbewohner waren mit einbezogen und boten für wenig Geld Kost und Logis in ihren Oberwalliser Häusern an.

Dass jedes Jahr neue Musiker ins Goms reisen, dürfte am Intendanten liegen. Der gebürtige Tessiner Francesco Walter ist als Kulturmanager viel unterwegs und besucht seit Jahren Festivals, Meisterkurse und Wettbewerbe. «Hier lerne ich junge Künstlerinnen und Künstler kennen, denen ich eine besondere Auftrittsmöglichkeit biete», sagt Walter, der seit 1994 beim Festival dabei ist. «Aber auch die etablierten Musiker schätzen es, dass sie bei uns in die Programmgestaltung miteinbezogen werden. Gleichzeitig nehmen viele ihre Familien mit, welche hier Ferien machen». In den Strassen entstünden so spontane Gespräche zwischen Besuchern und Künstlern. Diese besondere Art der Nähe zwischen den Leuten im Bergdorf haben in den vergangenen Jahren renommierte Musikerinnen und Musiker erlebt wie zum Beispiel die deutsche Barock-Sopranistin Simone Kermes, der Pianist Janós Starker, der amerikanische Geiger William Preucil, die serbische Cellistin Xenia Jankovic oder Geigerin Ada Pesch und Opernsängerin Rachel Harnisch.

Zwei Monate Musikdorf

Francesco Walter ist der künstlerische Leiter des Musikdorfs Ernen. - Quelle: Raphael Hadad Francesco Walter ist der künstlerische Leiter des Musikdorfs Ernen. (Quelle: Raphael Hadad)

Was im kleinen Rahmen begann, ist auch heute noch im Kern klein und fein. Das Konzept wurde 2004 neu gestaltet. Heute dauert der musikalische Sommer in Ernen rund zwei Monate und umfasst verschiedene Stilrichtungen. Das habe sich so entwickelt, sagt Francesco Walter. In den Anfängen mit György Sebök stand das Klavier im Mittelpunkt. Es folgten die Meisterkurse, die damals drei Wochen dauerten. Dazu kamen zwei Kammermusikwochen. Darin bot man auch Barockkonzerte an, welche beim Publikum grosse Beachtung fanden. Daraus entstand die Idee, eine separate Barockmusikwoche anzubieten. Das habe sich bewährt, sagt Francesco Walter. «Das Publikum, das gerne Klaviermusik hat, interessiert sich nicht unbedingt für Barockmusik, und für die Barockliebhaber ist die Kammermusik bereits zu romantisch. Das Gleiche gilt für die Musiker, die sich oft auf ein Gebiet spezialisiert haben».

2017 im Zeichen des Reisens

Der deutsche Countertenor Andreas Scholl wird in diesem Jahr im Goms singen. - Quelle: James McMillan Der deutsche Countertenor Andreas Scholl wird in diesem Jahr im Goms singen. (Quelle: James McMillan)

Das diesjährige Motto im Musikdorf Ernen bezieht sich gemäss dem Intendanten Francesco Walter auf das Reisen und nimmt Bezug auf Liszt, der in Ernen seinerzeit zu Gast war. Liszt reiste damals von Andermatt über die Furka und kam auf dem Weg nach Sion ins Goms, das im 19. Jahrhundert touristisch nicht erschlossen war. In seinem Klavierzyklus «Années de pèlerinage» hat Liszt die Eindrücke seiner Wanderjahre musikalisch festgehalten. Sein erstes Jahresbuch trägt den Titel «Suisse». Die Reise ins Musikdorf im Goms treten in diesem Sommer unter anderem der französische Pianist Cédric Tiberghien, der deutsche Countertenor Andreas Scholl und das Beethoven Trio Bonn an.

Auflistung der Konzerte


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