Aktuelles

Fokus

Harfenistin Vera Schnider – Grenzenlose Facetten mit der Königin

Die Schweizerin Vera Schnider hat sich für ein Leben mit der Harfe, der Königin der Saiteninstrumente, entschieden. - Quelle: Philipp Zinniker Die Schweizerin Vera Schnider hat sich für ein Leben mit der Harfe, der Königin der Saiteninstrumente, entschieden. (Quelle: Philipp Zinniker)

Die junge Schweizer Harfenistin Vera Schnider gehört zu einer neuen Generation von Musikerinnen, die den Pfad des konventionellen Musizierens verlassen und mutig nach neuen Wegen suchen. Als freischaffende Künstlerin streckt sie ihre Fühler in verschiedene Richtungen aus, behält aber als Orchestermusikerin ein Standbein im traditionellen Konzertbetrieb. Da sie sowohl die moderne Pedalharfe wie auch die Barockharfe spielt, ist ihr Repertoire sehr breit gefächert. So trifft man die faszinierende Musikerin von der kleinen Kellerbühne bis zum grossen Saal des KKLs auf vielerlei Podien an.

Die Harfe gilt als Königin der Saiteninstrumente. Wie kommt ein kleines Kind auf die Idee, Harfe zu spielen, das war meine erste Frage an die junge Schweizer Harfenistin Vera Schnider. Bei ihr war es buchstäblich Liebe auf den ersten Blick. Bei der Einweihung der nach dem Brand wieder aufgebauten Kapellbrücke in Luzern sah die kleine Vera grosse goldene Instrumente auf Schiffen vorbeischwimmen. Erstaunt fragte die Erstklässlerin ihre Mama, was das für Instrumente seien. Sie ist sich heute nicht einmal mehr sicher, ob sie auch deren Klang gehört hatte, aber als Kind war sie sich damals absolut sicher, dass sie ein solches Instrument haben wollte. Der Gedanke, Musikerin zu werden, stand noch gar nicht im Raum, sie wollte einfach die Fähigkeit erlangen, so ein faszinierendes Instrument spielen zu können.

Die Eltern waren zuerst einmal zurückhaltend. Zum einen war eine Harfe ein kostspieliges Instrument, zum andern gab es da, selbst mit einer kleinen Harfe, Transportprobleme. Ersteres liess sich mit einem Mietinstrument lösen, das zweite bedingte ein grosses Kombiauto und Mutter als Chauffeuse. Ihr selbst war gar nicht bewusst, dass das ein umständliches Instrument sein könnte.

Nun also war sie bereit für ihre ersten Musikstunden. Bald zeigten sich ihre überdurchschnittliche Begabung und ihr ebenso grosser Lernwille. Ihre Eltern, obwohl keine Musiker, waren gerne bereit, die musikalische Neigung ihrer talentierten Tochter zu unterstützen. Der Zufall wollte es, dass ihre erste Lehrerin, Nadja Paetzold, eine der Harfenistinnen war, die damals auf dem Schiff bei der Kapellbrücke musizierten.

Projektbezogen Musizieren

Vera Schnider - Quelle: Fredi Küng Vera Schnider (Quelle: Fredi Küng)

Heute, noch nicht ganz dreissigjährig, ist Vera Schnider dort angekommen, wo sie als freischaffende Musikerin Projekte verwirklichen kann, die sie selber anbahnt und mitgestaltet. Sie kann sich die Ensembles, in denen sie mitspielen will, aussuchen oder auch selber mitgründen. Eines dieser Ensembles ist das Zarin Moll-Trio, das sie zusammen mit zwei Sängerinnen gegründet hat. Hier haben sich Musikerinnen gefunden, die ihre eigene musikalische Sprache suchen. Auf der Basis von Alter Musik und zeitgenössischen Kompositionen experimentieren sie mit neuen klanglichen Ausdrucksmöglichkeiten. «Es gibt drei Arten, wie wir an die Stücke herangehen», erklärte die engagierte Künstlerin. «Einerseits verfremden wir die Stücke und machen ein eigenes daraus. Dann gibt es solche, die wir unbehandelt lassen, das heisst, die Harfe übernimmt einfach den Klavierpart. Anderen Stücken geben wir eine zusätzliche Stimme oder eine Sängerin übernimmt Teile des instrumentalen Parts. Und manchmal verflechten wir diese drei Grade zu einem Ganzen. Es gibt keine Unterbrüche in unseren Konzerten. Die Zwischenstücke komponieren wir selbst oder suchen geeignete Übergänge. Meistens stellen wir die Kompositionen auch szenisch dar. Ziel ist es, die klassische Musik aus andern Blickwinkeln zu betrachten und für ein breiteres Publikum zu öffnen». Die Konzerte dieses jungen, zukunftsorientierten Trios finden denn auch erstaunlich viel Zuspruch bei einem jüngeren Publikum.

Beeindruckend vielseitig

Für zeitgenössische Musik hatte sich Vera Schnider schon in ihrer Studienzeit interessiert. Der Impuls kam von ihrer Lehrerin Xenia Schindler, die selbst Mitglied des «Collegium Novum» war. Das kam nicht von ungefähr. Die lernbegierige Studentin konnte der romantischen Schönklang-Musik nichts abgewinnen. «Nur schöne Töne, ohne Gehalt zu spielen, hat mich nicht interessiert, ja sogar gestört». Darum wich sie einerseits auf die Barock-Musik und andererseits auf die neue Musik aus, wo ein anderer Klang, ein neuer Interpretationsanspruch gesucht wird. Als Mitglied des auf zeitgenössische Musik spezialisierten «Ensemble Proton» kann sie auch hier ihren Part einbringen und durfte schon viele Uraufführungen miterleben.

Heute weiss sie aber, dass es auch in der romantischen Musik interessante und ausdrucksstarke Kompositionen gibt. Diese erlebt sie in ihrer Stellung als Orchestermusikerin, in der sie feste Zuzügerin bei verschiedenen Orchestern ist. Diese Rolle gefällt ihr, da auch hier die Harfe eine spezielle Position einnimmt. Sie gehört keinem Register an und kann sich je nach Werk auf verschiedene Arten einbringen, sei es als Solistin, als Klangfarbentupfer, als Bassinstrument oder als rhythmische Strukturenbasis. Hin und wieder spielt sie auch Harfenkonzerte, wobei ihr der Platz vor dem Orchester weniger zusagt als derjenige mitten drin oder als Kammermusikerin.

Die beeindruckende Vielseitigkeit der faszinierenden Künstlerin rührt von ihrem Wissensdrang nach musikalischen Zusammenhängen, ihrer unbändigen Lust nach Neuem und ihrer grossen geistigen Flexibilität her. Ihr Repertoire und ihre mannigfachen Engagements bedingen hohe technische Fähigkeiten sowohl für die Pedalharfe wie für die Barockharfe. Beide hat sie im Studium bei spezialisierten Lehrern gelernt und es fällt der beweglichen Harfenistin nicht schwer, von der einen zur andern zu wechseln.

Als freischaffende Künstlerin steht das Wort Alltag ohnehin nicht in ihrem Vokabular. Nebst intensivem Üben, dem Aushecken und Ausarbeiten neuer Projekte, den Probenbesuchen und Konzerten wartet oft noch diverse Büroarbeit auf Erledigung.

In ihrer kargen Freizeit hört sie gerne Barock-Musik, am liebsten Vokalmusik von Georg Friedrich Händel. Aber manchmal möchte sie einfach nur die Ruhe geniessen. Auf die Frage, was sie auf die berühmte einsame Insel mitnehmen würde, kam die spontane Antwort: «Ein Boot, das mich so schnell wie möglich wieder aufs Festland zurückbringt».

Konzert mit Vera Schnider
Werke mit Harfe im Programm von Radio Swiss Classic


Folgen Sie dem Radio Swiss Classic On-air-Service